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Stadtansicht von Bad Mergentheim

Deutschorden-Gymnasium mit PCBs verseucht!

Aufgeschreckt durch eine ZDF-Sendung stellte die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat am 8.3.1997 eine Anfrage an den Oberbürgermeister. Laut ZDF muss befürchtet werden, dass 4.000 bis 5.000 deutsche Schulen, die in den 70er und 80er Jahren erbaut wurden, durch PCB-haltige Fugenmaterialien stark mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) belastet sind. PCBs stehen im dringenden Verdacht, krebserzeugend und erbgutschädigend zu sein.

Oberbürgermeister Uwe Hülsmann, für das Thema Wohngifte persönlich sensibilisiert, reagierte prompt. Hatte er doch selbst erst kurz zuvor die Erfahrung gemacht, dass seine Familie durch Schimmelpilze in der Wohnung erkrankte. Von der Umweltschutzaktiv Arendt GmbH & Co ließ er Schadstoffuntersuchungen durchführen. Fündig wurde dieses Fachbüro in der Hauptschule, insbesondere aber im Deutschorden-Gymnasium. In der Raumluft wurden dort am 27.4.1997 folgende Werte gemessen:


 
Raum PCBs in der Raumluft
Klassenraum 215 (2. OG) 2.925 ng/m3
Treppenhaus 4. OG 2.425 ng/m3
Büro Schulleitung 2. OG 2.065 ng/m3
Chemiesaal 2. OG 1.885 ng/m3
Klassenraum 406 (4. OG)  1.840 ng/m3
Eingangshalle UG 340 ng/m3

Zum Vergleich die Werte der Hauptschule:

Raum PCBs in der Raumluft
Eingangshalle EG 680 ng/m3
Klassenzimmer Raum 208 655 ng/m3
Klassenzimmer 305 ng/m3
Treppenhaus 2.OG 101 ng/m3

Grüne fordern PCB-Sanierung

Zur Bewertung der Ergebnisse sollte man folgendes wissen: PCB zu messen ist schwierig, da es 209 verschiedene Kongenere davon gibt. Alle 209 zu messen wäre zu aufwändig. Daher werden nur 5 Kongenere tatsächlich gemessen. Der Gesamtwert an PCBs wird aus diesen Messergebnissen geschätzt indem die Summe der 5 Messwerte mit dem Faktor 5 multipliziert wird. Die Zusammensetzung der Fugenmaterialien ist jedoch sehr unterschiedlich. Die relativen Anteile verschiedener Kongenere können von Probe zu Probe stark variieren. Die 204 nicht gemessenen Kongenere können in niedrigerer oder höherer Menge vorhanden sein. Daher ist die Schätzung der Gesamtbelastung mit erheblicher Unsicherheit belastet.

Vom früheren Bundesgesundheitsamt war ein "Eingreifwert" für die Raumluftbelastung mit PCBs von 3.000 ng/m3 festgelegt worden, bei dessen Überschreitung Sanierungsmaßnahmen ergriffen werden müssen. Nach einer Sanierung sollen 300 ng/m3 unterschritten werden, der sogenannte Zielwert. Bei PCB-Belastungen zwischen Sanierungszielwert und Eingreifwert sind Sanierungen nach Möglichkeit vorzunehmen, jedoch nicht zwingend vorgeschrieben. Im DOG wurde der Eingreifwert nahezu erreicht!

Dennoch wurde das DOG (sehr zum Leidwesen des einen oder anderen Schülers) nicht geschlossen. Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hatte nämlich eine Richtlinie erlassen, die den Eingreifwert drastisch erhöhte. Es argumentierte, SchülerInnen hielten sich nur während 8 von 24 Stunden am Tag in der Schule auf. Der Eingreifwert müsse daher mit 3 multipliziert werden. Erst ab 9.000 ng/m3 ist die Sanierung zwingend vorgeschrieben.

Der Gutachter bewertete die Ergebnisse wie folgt: "Alle ermittelten Raumluftmessungen mit PCB´s liegen unter dem vom BGA vorgegebenen Eingreifswert von 3.000 ng/m3 Raumluft unter der Voraussetzung einer Aufenthaltsdauer pro Kalendertag von 24 Stunden. Unter der Berücksichtigung von einer tatsächlichen Aufenthaltszeit von bis zu acht Stunden pro Kalendertag ergeben sich PCB-Raumluftwerte, die deutlich unter dem Eingreifswert liegen. Somit besteht keine Gesundheitsgefährdung. Ein angemessener prophylaktischer Handlungsbedarf kann in Einzelfällen möglich sein."

Dieser Einschätzung schloss sich OB Hülsmann an, als er am 24.6.1997 schrieb: "Im Deutschorden-Gymnasium wurden zusätzlich Untersuchungen auf Biozide (Pestizide) an den vorhandenen Holzverkleidungen vorgenommen. Auch diese Untersuchungen ergaben - ebenso wie die Untersuchungen bezüglich PCB - daß eine Gesundheitsgefährdung nicht besteht."

Wir Grüne waren mit dieser Beurteilung ganz und gar nicht einverstanden. Mit Schreiben vom 28.6.1997 haben wir unter anderem darauf hingewiesen, dass bei höheren Temperaturen mehr PCBs aus den Primärquellen freigesetzt werden. "In einer wissenschaftlichen Veröffentlichung über die Sanierung von zwei PCB-belasteten Schulen in Hagen wurde festgestellt, daß dort bei einer Temperaturerhöhung von 10 Grad C die Raumluftbelastung um das 3,6fache zugenommen hat!" schrieben wir dem OB und "PCBs reichern sich in Abhängigkeit vom Chlorierungsgrad in menschlichen Geweben stark an und entfalten ihre schädigende Wirkung mit der Zeit. Abbaumechanismen und Ausscheidungsmöglichkeiten stehen dem menschlichen Organismus nur in begrenztem Maß zur Verfügung. Je früher ein Mensch in Kontakt mit PCBs kommt, umso höher wird die Gesamtbelastung im Verlauf seines Lebens sein. Kinder bedürfen daher eines besonderen Schutzes."

Unser damaliges Fazit: "Die gefundenen PCB-Werte erreichen mit bis zu 2.925 ng/m3 im DOG leider nahezu den als überhöht zu betrachtenden Eingreifwert des ehemaligen BGA von 3.000 ng/m3. Bei höheren Raumtemperaturen ist eine Überschreitung selbst dieses Grenzwertes zu befürchten. Wir betrachten diese Gesundheitsgefährdung für die Kinder und für die Beschäftigten des DOG als nicht verantwortbar und beantragen deshalb die Durchführung einer PCB-Sanierung des Gebäudes."

Sanierung verweigert

Unsere kritische Bewertung der Messergebnisse gab OB Hülsmann sowohl an die Firma Umweltschutzaktiv Arendt GmbH & Co, als auch an das Gesundheitsamt in Tauberbischofsheim weiter. Auf Grund deren Urteil schrieb OB Hülsmann am 13.8.1997 an die Fraktionen des Gemeinderats: "Es besteht für die Stadtverwaltung deshalb derzeit weder Grund noch Anlaß, die Aussagen der Firma anzuzweifeln, ein weiteres Gutachten einzuholen oder eine, wie von den Grünen gefordert, technisch nicht einfache und überaus kostenaufwendige PCB-Sanierung des Schulgebäudes in Auftrag zu geben; zumal, wie Sie der Anlage entnehmen, auch das Staatliche Gesundheitsamt die Arbeit und die Ergebnisse der Umweltschutzaktiv Arendt GmbH & Co nicht zu beanstanden hat.
Wie vom genannten Unternehmen vorgeschlagen, werden, obwohl im Deutschorden-Gymnasium keine Gesundheitsgefährdungen bestehen, während der jetzigen Sommerferien die vorgeschlagenen Naßreinigungen (Decken und Wände) sowie nach den Ferien nochmals in mehreren Räumen Raumluftproben vorgenommen werden."

Primär- und Sekundärquelle

Die gefundenen PCBs stammen eindeutig aus dem dauerelastischen Fugenmaterial zwischen den Betonbauteilen des DOG. Die Fachleute bezeichnen dies als die Primärquelle. Jahrelang konnte PCB ungestört ausgasen. Es hat sich inzwischen an Böden, Decken und Wänden ebenso abgelagert wie an den Einrichtungsgegenständen. Diese wurden dadurch zu Sekundärquellen und geben nun ebenfalls PCBs an die Raumluft ab.

Mit unserem Beharren auf der Sanierung haben wir die ursächliche Bekämpfung des Problems durch Entfernen des Fugenmaterials zunächst nicht erreicht. Immerhin aber haben wir bewirkt, dass die Sekundärquellen angegangen wurden. In den Ferien wurden die Räume und Einrichtungsgegenstände gründlich gewaschen und die Fugen abgedichtet, so dass weniger PCB ausströmen kann. Durch diese Maßnahmen reduzierte sich die gemessene Raumluftbelastung erheblich.

  Vor der Naßreinigung
29.11.1998
Nach der Naßreinigung
16.1.1999
Raum 109 1.920 ng/m3 710 ng/m3
Raum 205 1.750 ng/m3 730 ng/m3
Raum 202 1.730 ng/m3 425 ng/m3

Entwarnung konnte dennoch nicht gegeben werden. Da die Primärquelle nach wie vor vorhanden ist, musste befürchtet werden, dass die Raumluftbelastung mittelfristig wieder ansteigen wird. Die Bündnisgrünen im Stadtrat haben deshalb weiterhin darauf gedrängt, dass das DOG saniert wird. Bis zu einer solchen grundlegenden PCB-Sanierung muss allen Nutzern des DOG empfohlen werden, regelmäßig und gründlich zu lüften.

Eltern wehren sich

Die Grünen im Stadtrat hatten von Beginn an Zweifel an den Werten der Firma Umweltschutzaktiv Arendt GmbH & Co geäußert und immer wieder die Sanierung des DOG gefordert, zuletzt mit Schreiben vom 7.8.2000. Diese Bedenken wurden jedoch weder von der Stadtverwaltung, noch vom Staatlichen Gesundheitsamt in Tauberbischofsheim geteilt. Zum Glück aber ließ der Elternbeirat, alarmiert durch unsere Schreiben, nicht locker. Er nahm Kontakt zu einem weiteren Gutachter auf, der unsere Zweifel an den Messbedingungen bestätigte. Daraufhin wurden am 14.8.2000 von der VEDEWA weitere PCB-Messungen unter "worst-case-Bedingungen", d.h. bei höheren Temperaturen und ohne zu lüften, durchgeführt. Die Ergebnisse fielen leider aus wie befürchtet:

Raum PCBs in der Raumluft
Raum 217 4.150 ng/m3
Raum 406 3.850 ng/m3
Raum 210 3.650 ng/m3
Lehrerzimmer 1.350 ng/m3
Sekretariat 1.200 ng/m3
Fotolabor 1.100 ng/m3

Nachdem nun der Eingreifwert von 3.000 ng/m3 eindeutig überschritten worden ist und der Druck durch SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen immer stärker wurde, änderte sich die Haltung in den politischen Gremien. Alle Fraktionen des Gemeinderats und Oberbürgermeister Uwe Hülsmann waren sich nun mit den Grünen einig, dass saniert werden muss. "Geld spielt keine Rolle" versprach er bei einer Besprechung im Sitzungssaal des Rathauses am 20.12.2000. Zunächst einmal werden hierfür 300.000,- DM im Haushaltsplan der Stadt für das Jahr 2001 bereit gestellt. Es ist also davon auszugehen, dass die gesundheitliche Belastung in absehbarer Zeit sinken wird. Vor dem Hintergrund der drastisch höheren Messergebnisse der VEDEWA sind nun auch die in der Hauptschule gefundenen Werte einer Neubewertung zu unterziehen.

Nachmessungen in der Hauptschule

Am 27.01.2001 wurden von der Firma wave neue Messungen in der Hauptschule durchgeführt. Auch hierbei ergaben sich höhere Messwerte als bei den ersten Messungen der Firma Umweltschutz Arendt GmbH & Co. Hier die Ergebnisse:

Raum PCBs in der Raumluft
Raum 208 820 ng/m3
Eingangshalle 470 ng/m3


Sanierung zeigt erste Erfolge

Im Jahr 2001 wurde die Ursache der Belastungen, das PCB-haltige Fugenmaterial, entfernt. Kontrollmessungen zeigen nun erste Erfolge. Die PCB-Konzentrationen in der Raumluft haben zum Teil drastisch abgenommen.

Raum vor Sanierung nach Sanierung
Aula 585 ng/m3
011 - 014 340 ng/m3
Werkraum 1.150 ng/m3
Eingangshalle 340 ng/m3 340 ng/m3
Lehrerzimmer Raum 108 1.920 ng/m3 520 ng/m3
Lehrerbibliothek Raum 109 1.920 ng/m3 425 ng/m3
Verwaltung Raum 105 + 106 + 107 2.065 ng/m3 345 ng/m3
Klassenzimmer Raum 111 1.050 ng/m3
Klassenzimmer Raum 114 1.370 ng/m3
Klassenzimmer Raum 208 690 ng/m3
Klassenzimmer Raum 213 560 ng/m3
Klassenzimmer Raum 217 4.150 ng/m3 550 ng/m3
Klassenzimmer Raum 216 325 ng/m3
Klassenzimmer Raum 210 3.650 ng/m3
Klassenzimmer Raum 315 775 ng/m3

Wir hoffen, dass die Messwerte noch weiter zurückgehen und den Sanierungszielwert von 300 ng/m3 unterschreiten werden. Wir werden darauf drängen, dass die zum Teil noch nicht befriedigenden Messwerte durch Entfernen der Sekundärquellen ebenfalls reduziert werden.